Filmrezension: Warum ich »Ein anderes Selbst« gesehen habe
| Lesedauer: | 8 Minuten |
| Filmserie: | DAS ANDERE SELBST/ Originaltitel: Zeytin Ağacı“ |
| Filmsterne: | ***** (5 von 5 Sternen) |
| Autor: | Nuran Evren Şit |
| Rezensentin: | Barbara Nobis |
Ich schaue selten Serien am Stück. Und doch habe ich die Netflix‑Serie »Ein anderes Selbst« (Originaltitel: »Zeytin Ağacı«) in kurzer Zeit durchgesehen. Diese türkische Dramaserie hat etwas, das viele Formate nicht haben: Sie stellt Fragen, die über die Oberfläche hinausgehen.
»Ein anderes Selbst« verwebt dabei die Idee der romantischen Liebe mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Ein zentrales Thema dieser Serie ist zudem: Können wir unser Leben verbessern, wenn wir uns der Heilung zuwenden? Was passiert, wenn wir versuchen, eingefahrene Denk‑ und Fühlmuster zu transformieren?
Natürlich arbeitet »Ein anderes Selbst« mit allen Mitteln, die moderne Serien nutzen: junge, attraktive Schauspieler:innen, eine traumhafte Kulisse an der türkischen Ägäis und sorgfältig gesetzte Cliffhanger. Das erzeugt Suchtpotenzial. Aber unter dieser Oberfläche liegt ein Stoff, der mich als Zuschauerin mit einem energetisch‑ganzheitlich geprägten Blick beeindruckt hat.

Körper und Seele – ein wohltuender Gegenentwurf zur rein klassischen Medizin
Eine der stärksten Ebenen der Serie ist für mich die Sicht auf den Menschen als Einheit von Körper und Seele. Diese Perspektive erinnert an ganzheitliche Medizin und Energiearbeit. In »Ein anderes Selbst« zeigt sich immer wieder: Krankheit ist nicht nur ein »Defekt« im Organismus, den man mit Medikamenten oder Operationen beheben kann. Sie steht in Beziehung zu Gefühlen, Geschichten und Überzeugungen. Krankheit hängt oft zusammen, mit dem, was wir erlebt und verdrängt haben.
Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, in der sich Ada auf die beiden islamischen Universalgelehrten Ahmet ibn Sahl al-Belhi Ali ibn al-Abbas al-Madschusi bezieht. Diese Ärzte vermuteten schon damals, dass die Wurzel von Krankheiten in der Wechselwirkung zwischen Geist und Körper liegt. Die Serie erzählt diese Gedanken nicht nur als exotische Randbemerkung, sondern nimmt sie ernst.
Da ich als ganzheitliche Energiearbeiterin und Coach for The Work of Byron Katie arbeite, ist das ein wohltuender Gegenentwurf zur rein symptomorientierten Sichtweise. Ich erlebe täglich, wie sehr Körper und Seele miteinander verwoben sind.
Gleichzeitig bin ich keine Anhängerin einer vereinfachenden »Wenn‑Dann‑Logik«. Zum Beispiel: »Du hast eine Erkältung? Dann hast du wohl die Nase von xy voll.« Oder: »Du hast zu viele Leukozyten im Blut? Dann kämpfst du unbewusst gegen eine Bedrohung.« Solche Fragen können hilfreiche Selbsterkenntnis-Prozesse anstoßen. Sie werden jedoch schädlich, wenn der oder die Erkrankte in eine Schleife von vermeintlicher Schuld gerät. Deshalb ist es erfreulich mutig, dass »Ein anderes Selbst« das enge Zusammenspiel von Körper und Seele aufgreift. Die Netflix‑Serie vereinfacht dieses Erleben jedoch – wahrscheinlich aus dramaturgischen Gründen.

Ada, Sevgi, und Leyla in »Ein anderes Selbst«. Diese Freundschaft fungiert als Heilraum und Fels in der Brandung. Foto: depositphotos.com
Freundschaft als Heilraum
Was ich an »Ein anderes Selbst« besonders schätze, ist die Freundschaft der drei Hauptfiguren Ada, Sevgi und Leyla. Sie sind nicht einfach nur Freundinnen, die sich ab und zu treffen. Sie tanzen zusammen, feiern, streiten, weinen und sagen sich die Meinung. Und trotz aller Konflikte steht ihre Verbundenheit nie zur Disposition. Diese Freundschaft ist ein Fels in der Brandung – während Beziehungen, Karrieren und Lebensentwürfe immer wieder unerwartete Wendungen nehmen.
Die Freundschaft der drei Frauen ist ein Gegenentwurf zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen: Wir werden oft durch andere Menschen verletzt, traumatisiert, enttäuscht. Und zugleich können tiefere Verletzungen nur in einem sicheren menschlichen Raum heilen. Heilung braucht Menschen, die halten, begleiten und bei denen wir uns sicher fühlen.
Die Serie erinnert daran: Heilung geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern in Beziehungen. In der Freundschaft von Ada, Sevgi und Leyla sehe ich eine Form von »Heilraum«, die vielen von uns im realen Leben fehlt. Genau darin liegt meines Erachtens eine wesentliche Stärke dieser türkischen Netflix‑Serie.

Von der konventionell denkenden Frau und Ärztin zur mehr oder minder unfreiwilligen Suchenden – und Findenden
Eine Figur, die mich besonders beschäftigt hat, ist Ada. Sie startet als konventionell denkende Ärztin: fest verankert in ihrem schulmedizinischen Weltbild, erfolgreich, verantwortungsbewusst. Gleichzeitig meldet sich ihre Seele und signalisiert, dass etwas an diesem starren Lebensentwurf nicht stimmt.
Dabei spiegelt die anfängliche Geschichte von Ada einen Gedanken von Ulrich Schaffer: »Geh du vor«, sagt die Seele zum Körper, »auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf dich.« Wie sich das im Film zeigt? Ada bemerkt, dass ihre Hände zunehmend zittern. Für eine aufstrebende, karrierebewusste Chirurgin ist das ein Zeichen, das sie nicht länger ignorieren kann.
Zur gleichen Zeit erkrankt ihre enge Freundin Sevgi an Krebs. Sevgi möchte sich nicht ausschließlich klassisch medizinisch behandeln lassen. Nun prallen in Ada zwei Welten aufeinander: ihr gesellschaftlich geprägtes Handeln und der Wunsch, für die alternativ denkende Sevgi da zu sein. Sevgi setzt ihre ganze Hoffnung auf den ganzheitlich arbeitenden Heiler Zaman. Ada hält den älteren Mann, der mit einer Art systemischen Familienaufstellung arbeitet, jedoch für einen Quacksalber. Trotzdem begleitet sie ihre Freundin zu einer Aufstellung…
Mich interessiert weniger eine »perfekte« spirituelle Entwicklung, sondern das Unfreiwillige darin: Ada wird nicht zur Suchenden, weil sie sich bewusst hinsetzt und sagt »Ich mache jetzt eine spirituelle Heilreise«. Sie beginnt zu suchen, weil ihr bisheriges Selbstbild bröckelt. Das kenne ich gut: Viele Menschen beginnen erst dann ihre innere Arbeit, wenn sie ihr gesellschaftlich geschätztes, funktionierendes Ich nicht mehr trägt. »Ein anderes Selbst« zeigt diese Bewegung in dramaturgisch verdichteter Form.

Systemische Aufstellungen – etwas verkürzt dargestellt
Der zentrale Rahmen der Serie? Es geht vor allem um eine Form der systemischen Familienaufstellung. Menschen stehen stellvertretend für Familienmitglieder oder Aspekte eines Systems im Raum. Durch diese Aufstellungen werden dem leidenden Menschen verborgene Muster bewusst.
Wer selbst schon an Aufstellungen teilgenommen hat, kennt dieses Phänomen. Stellvertreter:innen, die sich wirklich auf eine zugewiesene Rolle einlassen, empfinden oft Emotionen, die zur Geschichte der aufstellenden Person passen. Sie spüren die teils verdrängten Gefühle, die im System wirken. Das hilft der aufstellenden Person enorm, der Ursache ihrer unerquicklichen Situation näher zu kommen.
»Ein anderes Selbst« fängt dieses Phänomen durchaus berührend ein. Gleichzeitig verkürzt die Netflix‑Serie viele Prozesse sehr stark. Ängste – zum Beispiel die Angst vor Wasser oder vor einem Pferdestall – lösen sich teilweise in einer einzigen Sitzung.
In meiner eigenen Erfahrung mit systemischen Aufstellungen und energetischer Arbeit geschieht Heilung selten so schnell. Ja, es gibt Momente, in denen sich etwas plötzlich klärt oder löst. Doch die Integration des Neuen in den Alltag braucht Zeit, Wiederholung und Unterstützung.
Meine Kritik an der Serie: Sie zeigt, dass Familienaufstellungen und transgenerationale Traumaarbeit etwas bewegen können. Sie vermittelt jedoch möglicherweise den Eindruck, als würde sich ein komplexes Trauma in einer Sitzung »erledigen«.

Große Fragen über Liebe, Tod und das Universum – verpackt in ein unterhaltendes Format
In den späteren Folgen, besonders gegen Ende, bündelt »Ein anderes Selbst« große spirituelle Fragen. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was geschieht mit all der Liebe, die wir gefühlt haben? Wohin geht die Liebe, wenn wir sterben? Ist das Universum ein freundlicher Ort?
Diese Fragen haben mich aufmerken lassen – nicht zuletzt, weil ich mich persönlich intensiv mit bedingungsloser Liebe befasse: Mit der Liebe, die ein Kind von der Mutter erfährt. Mit der Liebe der Natur. Mit der Liebe, die einfach da ist, ohne Bedingungen.
Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die Serie manchmal eher an der Oberfläche dieser Fragen entlanggleitet, als wirklich tief einzutauchen. Manches wirkt auf mich ein wenig wie »philosophisches Geplänkel«: schöne Sätze, starke Emotionen, aber nicht immer der innere Gehalt, den ich mir wünschen würde. Nun ja, es ist eben eine Unterhaltungsserie.
Bedingungslose Liebe versus akzeptierende Liebe?
Verweilen wir einen Augenblick bei der bedingungslosen Liebe: In einer der letzten Folgen von »Ein anderes Selbst« klingt die Frage nach der bedingungslosen Liebe an, nach der wir uns alle sehnen. Allerdings ist sie im gesellschaftlichen Miteinander eher selten spürbar. Für mich ist diese bedingungslose Liebe ein Prinzip, das uns die Natur tagtäglich vor Augen führt. Die Natur beschenkt uns mit sauberem Trinkwasser, Sauerstoff und Sonnenlicht – und zwar ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen oder Verträge. Das ist für mich die bedingungslose Liebe schlechthin.
Ada formuliert diesen Gedanken anders. Sie sagt sinngemäß: »Vielleicht brauchen wir keine bedingungslose Liebe, sondern eine Liebe, die den anderen mit seiner Geschichte akzeptiert.« Laut Ada sollten wir versuchen, den anderen mit all seinen Erfahrungen und Erlebnissen zu akzeptieren, die ihn bis heute geprägt haben.
Für mich kommt diese Definition dem Kern bedingungsloser Liebe sehr nahe. Ada denkt dabei vermutlich auch den Selbstschutz mit: eine notwendige Grenze, die verhindert, dass Liebe in Selbstaufgabe umschlägt und uns schadet. Insgesamt gehört gehört schon Mut dazu, in einer Unterhaltungsserie das Thema »bedingungslose Liebe« aufzugreifen. Das hat mir gefallen.

Mein Fazit: Fesselnd, manchmal etwas irritierend – vor allem aber inspirierend
Ein anderes Selbst« zeigt auf mutige Weise, wie eng Körper und Seele verwoben sind und wie sehr unsere Geschichten im Körper nachhallen. Die Erzählung veranschaulicht, dass Freundschaft ein Heilraum sein kann und transgenerationale Traumata weit mehr Aufmerksamkeit verdienen. Zugleich vereinfacht das Format viele dieser Prozesse: Es dramatisiert Schicksale und verdichtet philosophische Fragen stark. So bleibt der Schwerpunkt spürbar auf dem unterhaltenden Drama – was völlig in Ordnung ist. Denn die Serie leistet dennoch einen wertvollen Beitrag: Sie lädt dazu ein, über Heilung, Liebe, Tod und den Sinn des Lebens nachzudenken.