Bei ihrem achtsamen Spaziergang nimmt Barbara Nobis bewusst die Struktur eines abgebrochenen Astes wahr.
Spiritualität im Alltag

Achtsames Spazierengehen

  • Lesezeit: 5 Minuten
  • Zeitpunkt des Spaziergangs: 23. Februar 2021
  • Teil 1 der zweiteiligen Artikel-Serie zum achtsamen Spazierengehen

Mein Mann will unser Elektro-Auto mit Windenergie betanken und diese Zeit für einen Spaziergang entlang der Felder und Wiesen nutzen. Mit Achtsamkeit hat er nichts am Hut. Jedoch geht er hin und wieder gerne spazieren.

Auch ich schätze die wohltuende Wirkung der Bewegung in der Natur. Zudem ist es meine erste Woche im MBSR-Programm (MindfulnessBased Stress Reduction) nach Jon-Kabat Zinn. Ungeachtet dessen war ich heute nicht sonderlich achtsam. Es ist Nachmittag und ich habe bereits ein paar Stunden ohne größere Pause vor dem Computer gesessen. Allerdings soll es von Achtsamkeit zeugen, die eigene Unachtsamkeit zu bemerken. 🙂 Daher ein Stopp. Was spüre ich jetzt? Meine Nackenmuskeln sind vollkommen verspannt. Mein Kopf fühlt sich an, als bestünde er aus zig überhitzten Kabeln. Das achtsame Spazierengehen wäre folglich eine gute Gelegenheit, um wieder bei mir anzukommen und eine achtsame Lebenshaltung zu fördern. Was jedoch ist Achtsamkeit? Der Schweizer MBSR-Verband schreibt dazu:

Achtsamkeit kann als klares und nicht-wertendes Gewahrsein dessen bezeichnet werden, was in jedem Augenblick geschieht. Sie ermöglicht uns, Körperempfindungen, Gedanken, Gefühle und alle anderen Wahrnehmungen, ob angenehm, unangenehm oder neutral, zu erfahren und so zu akzeptieren, wie sie sind – das Leben also tatsächlich zu erleben, wie es sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet.

Den Windpark Ruhne-Waltringen haben wir nach 15-minütiger Fahrt erreicht. Dort steht auf einem Schotterplatz das Windkraftrad, das unser Elektro-Auto mit Strom versorgen wird. In seiner Nähe drehen sich weitere Windräder auf Wiesen und Feldern. Wir laufen los. Während die Gummisohlen meiner Halbschuhe über den Asphalt gleiten, bläst mir der kalte Wind meine Haare ins Gesicht. Ich betrachte die Wolken, die sich immer wieder vor die Sonne und den blauen Himmel schieben. Wir biegen in einen Feldweg ein, der von Schneeresten und einem Baum gesäumt wird. Rechts von uns höre und sehe ich einen Traktor mit einem Pflug. Vom Feld linkerhand weht mir Dung in die Nase. Nicht ganz so angenehm. Aber: Fürs achtsame Spazierengehen gilt dasselbe wie für die Achtsamkeit im Allgemeinen: Mit einer freundlichen Haltung alles wahrnehmen, was gerade da ist. Nichts mit den eigenen Empfindungen machen wollen. In die eigene Mitte zurückkommen. Alles darf sein wie es ist. Das gilt auch für die lehmigen Stellen unseres Weges. Ich sehe Pferdeäpfel, Hufspuren und massige Traktor-Reifen.

Bewusster atmen beim achtsamen Spazierengehen

Ich weiche auf die Grasnarbe aus, spüre unter meinen Füßen einen weichen aber tragfähigen Untergrund. Wir gehen in gemächlichem Tempo, jeder mit sich und seinen Beobachtungen und Gedanken beschäftigt. Ich spüre meinen Atem, der ruhig fließt – der Bauch hebt und senkt sich, der Wind ist frisch hier. Beim winterkahlen Baum bleibe ich stehen: Es fühlt sich gut an, den eigenen Atem eine Zeitlang meine gesamte Aufmerksamkeit zu schenken. Deshalb atme ich bewusst einige Male etwas länger aus. Nach einigen wenigen Atemzügen fällt mein Blick auf einen Gestrüpphaufen. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass es die Äste jener Sträucher sind, die in den Feldweg hineinragten. Der glatte Schnitt, mit dem sie vom Strauch abgetrennt wurden, lässt auf den Einsatz einer Motorsäge schließen. Ich greife mir einen Ast und trenne durch mehrmaliges Knicken und Drehen einen Zweig für unsere Kaninchen ab. An der Bruchstelle wird eine hellgrüne Schicht sichtbar. Ich fahre mit meinen Handflächen über den Ast. Wie fühlt er sich an, wenn ich ihn in den Händen halte? Angenehm, etwas kühler als die Hand, rauer als der ockergrüne, glatt anmutende Ast vermuten lassen würde. 

Das Geschehen in der Natur mit allen Sinnen wahrnehmen

Vor mir sehe ich vereinzelte Wolken, weiß-grau getupft hängen sie unterhalb des Himmelblaus.  Ich gehe den geraden Feldweg weiter, der von begrünten Feldern gesäumt wird. Zirka einhundert Meter weiter weist uns ein Schild darauf hin, dass wir auf einem Pilgerweg in Richtung Werl unterwegs sind. Unweit eines Kreuzes entdecke ich einen Baumstumpf, berühre mit meinen Händen die furchige Rinde, fahre über die vielen kleinen schwarzen Löcher. Ein Insektenhotel? Oder der Aufenthaltsort irgendwelcher Käferlarven, die ihre Herberge weiter zersetzen? 

Beim achtsamen Spazierengehen ermöglichen die wechselnden Untergründe viele Eindrücke: Das Laub raschelt unter den Füßen, die wenige Meter weiter über lehmigen Boden, Moos oder Kieselsteine laufen.

Wenig später erreichen wir eine Pferdekoppel. Ich  spüre unter meinen Fußsohlen wieder die weiche Grasnarbe – und dass, obwohl dazwischen die Gummisohle meiner Schuhe ist. Ich sehe Reste von Eichenlaub und lenke meine Schritte dorthin. Mit jedem Schritt rascheln die vertrockneten Blätter. Außerdem fühlt sich der Untergrund nicht mehr so weich an wie vorhin. Es geht weiter, diesmal bergauf. Gelbe Krokusse und Schneeglöckchen stehen in Büscheln am Rand des Feldwegs. Er konfrontiert uns immer wieder mit lehmigen Abschnitten, die stellenweise von Kieselsteinen durchsetzt sind. Wir können dem Lehm somit ausweichen. Überdies bemerke ich, dass mein Atem tiefer geworden ist. Er fühlt sich wärmer an als zu Beginn unseres Spaziergangs. Daran ändert auch der harsche Wind nichts. Wie bereits zu Beginn der Tour registriere ich die Verspannungen im Kreuz und in den Schultern. Da gibt es außerdem einen leichten ziehenden Schmerz in den Waden. Halb so schlimm! Ich setze bewusst einen Fuß vor den anderen und bemühe mich darum, offen für alles in mir und um mich herum zu bleiben.

Sind meine Gedanken beim achtsamen Spazierengehen im Hier und Jetzt?


Kurze Zeit später spricht mich mein Mann an. Wir unterhalten uns nur selten, und es sind kürzere Gespräche. Dabei fällt mir auf, dass sich unsere Gedanken meist um die Zukunft drehen, um die Zukunft des Kindes, darüber, was am Abend ansteht. Was ist jetzt? Was ist hier? Ich registriere es kurz für mich. Alles darf sein. Je länger wir laufen, desto wärmer wird mir. Ich öffne den Reißverschluss meines Wintermantels, spüre wieder meinen Atem, der beim Gehen bis in den Bauch reicht. Wir sind fast am Ziel, haben die Bergkuppe erreicht. Erneut dringt das Raunen der Windräder an meine Ohren. Ich schaue zu den Rotorblättern hoch und sehe den aufgehenden Mond in zartem Weiß am blauen Himmel. Ich fühle mich gut. Entspannt. Und ich war hoffentlich auch achtsam. Weitere Tipps zum achtsamen Spazierengehen gibt der Achtsamkeitstrainer Michael Maleschka im April 2021 auf dieser Website.

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